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Advaita Vedanta Die Philosophie des Advaita Vedanta (3 von 3 Seiten)

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Advaita

Die einzige Religion, die sowohl auf dem Gebiete der Physik, als auch auf dem der Moral mit der modernen Forschung übereinstimmt und bisweilen sogar noch über sie hinausgeht, ist Advaita. Deshalb übt sie so viel Anziehungskraft auf die modernen Wissenschafter aus, welche die alten dualistischen Theorien ungenügend und nicht den modernen Notwendigkeiten entsprechend finden. Glaube allein genügt nicht, auch intellektueller Glaube muß vorhanden sein. Es ist ein Zeichen von Schwäche, wenn am Ende des neunzehnten Jahrhunderts noch die Vorstellung besteht, eine Religion müsse falsch sein, weil sie aus einer anderen Quelle fließt als der eigenen, ererbten Religion. Solche Vorstellungen sollten verschwinden, und zwar nicht nur in diesem Lande, sondern in allen Ländern, und nirgendwo mehr als in Indien. Man hat Advaita niemals gestattet, populär zu werden. Erst legten einige Mönche Beschlag darauf und schleppten es in die Wälder und daher stammt der Name „Wald-Philosophie“. Durch des Herrn Gnade erschien Buddha, predigte es den Massen, und das ganze Volk wurde buddhistisch. Lange nachher, als Agnostiker und Atheisten die Nation neuerdings zu unterhöhlen begannen, wurde Indien wiederum.durch Advaita vom Materialismus gerettet.

Advaita hat also Indien zweimal vor dem Materialismus bewahrt. Vor dem Erscheinen Buddhas hatte sich ein Materialismus ausgebreitet, viel schlimmerer Art als er heute herrscht. Der Materialist möchte uns glauben machen, es gebe nur eine Substanz, die er Materie nennt; in diesem Sinne sind auch wir Materialisten, weil wir auch an das Eine glauben, nur nennen wir es Gott. Der Materialist glaubt, aus dieser Materie gehe alle Hoffnung, alle Religion und alles übrige hervor, und wir sagen, es geht aus Brahman hervor. Der Materialismus aber, der vor Buddhas Erscheinen vorherrschte, war eine ganz rohe Art von Materialismus, der lehrte. „Iß, trink und sei fröhlich; es gibt weder Gott, noch Seele, noch Himmel, und Religion ist eine Erfindung verruchter Priester. Versuche glücklich zu leben, so lange du lebst; iß, auch wenn du das Geld dafür borgen mußt und mach' dir keine Sorgen wegen des Zurückzahlens.“ Das war die Moral jenes alten Materialismus, und diese Art der Philosophie fand eine solche Verbreitung, daß man sie auch heute noch die „populäre Philosophie“ nennt. Apfel vom Baum der Erkenntnis

Buddha brachte Vedanta ans Licht, gab es dem Volke und rettete Indien. Tausend Jahre nach seinem Tode herrschte ein ähnlicher Zustand. Die Massen und verschiedene Völker waren zum Buddhismus bekehrt worden, aber Buddhas Lehren gerieten infolge der Unwissenheit der Massen in Verfall. Buddha lehrte keinen Gott, keinen Beherrscher des Weltalls, und so holten die Massen ihre Götter und Teufel und Kobolde hervor und machten aus dem Buddhismus in Indien einen unbeschreiblichen Wirrwarr. In Form von Zügellosigkeit bei den höheren und von Aberglauben bei den niederen Klassen gewann der Materialismus wiederum die Oberhand. Dann kam Shankaracharya und brachte Vedanta zu neuem Leben, indem er es zu einer rationalistischen Philosophie gestaltete. Während die Beweisführungen in den Upanischaden häufig sehr undurchsichtig sind, betonte Buddha vor allem die moralische Seite der Philosophie. Shankara aber brachte deren intellektuelle Seite in den Vordergrund, arbeitete sie aus, stellte sie auf eine rationale Basis und beschenkte die Menschheit mit dem hervorragenden, zusammenhängenden System des Advaita.

Materialismus ist auch heute wieder in Europa vorherrschend. Wir mögen für das Heil der modernen Skeptiker beten, aber sie geben nicht nach in ihrem Verlangen nach Vernunft. Die Rettung Europas hängt von einer rationalistischen Religion ab, und Advaita - die Lehre der Nicht-Zweiheit, der Einheit, der Idee des unpersönlichen Gottes - ist die einzige Religion, die bei intellektuellen Menschen Fuß fassen kann. Advaita erscheint immer dann, wenn Religion im Absterben und Irreligiosität vorzuherrschen scheint und deshalb hat sie in Europa und Amerika Wurzeln geschlagen.

Noch etwas ist im Zusammenhang mit dieser Philosophie zu erwähnen. Die alten Upanischaden enthalten erhabene Dichtungen, ihre Verfasser waren Dichter. Plato sagt, die Eingebung komme zu den Menschen durch Dichtung. Es hat den Anschein, als ob diese ehrwürdigen Rishis, jene Seher der Wahrheit über die Menschheit emporgehoben wurden, um jene Wahrheiten in poetischer Form zu verkünden. Sie predigten nicht, sie philosophierten nicht, sie schrieben nicht. Aus ihrem Herzen kam Musik. Buddha verkörperte das grelle, allumf-assende Herz und die grenzenlose Geduld, die Religion im täglichen Leben anwendbar machte und sie zu jedermanns Tür brachte. Shankara stellte jene gewaltige intellektuelle Macht dar, die alles mit dem sengenden Lichte der Vernunft beschien. Was wir heute brauchen, ist die helle Sonne dieser Intelligenz, verbunden mit dem Herzen Buddhas, dem wundervollen Herzen, erfüllt von unendlicher Liebe und Barmherzigkeit. Eine solche Verbindung würde die erhabenste Philosophie hervorbringen, in der sich Wissenschaft und Religion begegnen und die Hände reichen, und Dichtung und Philosophie zu Freunden werden. Dies wird die Religion der Zukunft sein, und wenn wir sie errichten können, wird sie dauern für alle Zeiten und für alle Völker. Kein anderer Weg ist für die moderne Wissenschaft gangbar, und sie hat ihn schon beinahe betreten.

Wenn der Wissenschafter behauptet, alles sei die Kundgebung einer einzigen Kraft, erinnert uns das nicht an den Gott, den uns die Upanischaden beschreiben?:

„So wie das Feuer, obgleich eines, Gestalt von allem annimmt, das es aufzehrt, so nimmt das Selbst, ein Einziges, die Form von jedem Ding an, dem es innewohnt.“ Ist es nicht offensichtlich, welchem Ziele die Wissenschaft zustrebt? Das Volk der Hindus ging vom Studium des Geistes aus, mittels Metaphysik und Logik. Die europäischen Völker gehen von der äußeren Natur aus, und sie kommen zu den gleichen Ergebnissen. Durch den Geist forschend, erreichen wir schließlich jene Einheit, jenes allumfassende Eine, die innere Seele, das Wesen und die Wirklichkeit aller Dinge, das Ewig-Freie, das Ewig-Glückselige, das Ewig-Seiende („SAT, CHIT, ANANDA“). Durch das Studium der materiel1en Wissenschaften gelangen wir zu der gleichen Einheit. Die Wissenschafter erklären heute, alles sei die Kundgebung einer einzigen Kraft, welche die Gesamtsumme alles Bestehenden ist; die Menschheit gehe der Freiheit entgegen, und nicht der Knechtschaft. Über Sittlichkeit führt der Weg zur Freiheit, Sittenlosigkeit führt zur Knechtschaft. Warum sonst sollte die Menschheit moralisch sein?

Weiterhin zeichnet sich das Advaita System durch den Mut aus, zu verkünden: „Störe niemand in seinem Glauben, auch nicht jene, die aus Unwissenheit primitiven Anbetungsformen huldigen.“ Störe niemand, sondern hilf jedem höher und höher zu klimmen. Diese Philosophie predigt einen Gott, der alles in sich schließt. Wenn wir nach einer allumfassenden Religion Ausschau halten, die von jedermann ausgeübt werden kann, dann darf eine solche Religion nicht nur Teile enthalten, sondern sie muß die Gesamtsumme aller Teile und alle Abstufungen religiöser Entwicklung in sich vereinen.

Kein anderes Religionssystem kann dies von sich sagen. Sie alle bestehen aus Teilen und sind gleichzeitig bestrebt, das Ganze zu erreichen. Advaita befand sich niemals im Gegensatz zu den verschiedenen in Indien bestehenden Sekten. Die Dualisten sind auch heute noch am zahlreichsten in Indien vertreten, weil Dualismus den weniger Gebildeten am meisten zusagt. Er erklärt das Universum auf eine sehr bequeme, natürliche und gemeinverständliche Weise. Aber Advaita hat keinen Streit mit diesen Dualisten. Der eine glaubt an Gott jenseits des Weltalls, irgendwo im Himmel, und der andere glaubt an Ihn als seine eigene Seele. Er würde es für eine Blasphemie halten, an Ihn als weit weg zu denken; jeder Gedanke von Trennung wäre ihm unerträglich. Er ist der Allernächste, und in der Sprache läfit sich diese Nähe durch kein anderes Wort ausdrücken als durch das Wort Einheit. Für den Advaitisten ist jede andere Vorstellung verfehlt, genau wie der Dualist über die Auffassung des Advaitisten empört ist und sie für Gotteslästerung ansieht. Aber der Advaitist erkennt an: auch jene anderen Vorstellungen haben ihre Daseinsberechtigung, und der Dualist ist auf dem richtigen Wege. Er streitet nicht mit ihm, weil er weiß, der Dualist muß von seinem Standpunkte aus notwendigerweise die Vielheit wahrnehmen. Der Advaitist läßt ihn auf diesem Standpunkte, weil der Dualist, wie immer auch dessen Theorien lauten mögen, dem gleichen Ziele entgegen geht. Hierin freilich unterscheidet er sich völlig vom Dualisten, den seine Auffassung dazu zwingt, alle abweichenden Ansichten für falsch zu erklären.

Die Dualisten der ganzen Welt glauben natürlich an einen persönlichen Gott, den sie sich als ein dem Menschen ähnliches Wesen vorstellen, der - gleich einem gewaltigen Machthaber in dieser Welt - dem einen gewogen ist und einem anderen nicht. Willkürlich ist er einem Volke zugeneigt und überhäuft es mit Segnungen. Natürlicherweise muß der Dualist zu der Überzeugung kommen, Gott habe Günstlinge, und er hofft, einer von ihnen zu sein. Fast jede Religion hegt diese Vorstellung: „Wir sind die Lieblinge unseres Gottes, und nur wer unseren Glauben annimmt, kann Seine Gunst erlangen.“

Manche Dualisten meinen in ihrer Engherzigkeit, nur die wenigen von Gott Auserwählten könnten erlöst werden, während die übrigen trotz aller Versuche verworfen seien. Jede dualistische Religion ist auf diese Art mehr oder weniger engherzig, und es liegt daher in der Natur der Sache, daß sie sich gegenseitig bekämpfen müssen, was sie auch stets getan haben. Außerdem sind die Dualisten populär, weil sie sich an die Eitelkeit der ungebildeten Massen wenden, die sich darin gefallen, auf ihre ausschließlichen Vorrechte zu pochen. Der Dualist glaubt nicht an die Möglichkeit von Moral ohne einen Gott mit der Rute in der Hand, der stets bereit ist, zu strafen. Die gedankenlosen Massen sind gewöhnlich Dualisten, und da diese armen Menschen seit Jahrtausenden in allen Ländern verfolgt worden sind, ist ihre Erlösungsidee die Freiheit von der Furcht vor Strafe. Zum Erstaunen mancher Geistlicher im Westen haben wir keinen Teufel in unserer Religion. Aber wir halten das für das Beste, denn die größten Männer, die diese Welt gesehen hat, sind für jene erhabene, überpersönliche Idee eingetreten.

Die Macht desjenigen, der den Ausspruch tat. „Ich und der Vater sind eins“ hat Millionen von Menschen beeinflußt und hat für Jahrtausende Gutes geschaffen. Er war ein Nicht-Dualist und war barmherzig zu seinen Mitmenschen. Den Massen, die nichts Höheres als einen persönlichen Gott begreifen konnten, predigte er: „Ihr sollt euren Vater im Himmel preisen“, während er anderen, die für höhere Ideen empfänglich waren, sagte: „Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben“. Aber seinen Schülern, denen er sich ganz offenbarte, verkündete er die höchste Wahrheit: „Ich und der Vater sind eins“. Es war der große Buddha, der die dualistischen Götter verwarf, und den man einen Atheisten und Materialisten genannt hat, der bereit war, seinen Leib für eine arme Ziege hinzugeben. Dieser Mann brachte die höchsten sittlichen Ideen, die je ein Volk gekannt hat, ins Leben zurück, und wo immer es ein Sittengesetz gibt, ist es von seinem Lichte bestrahlt.

In einer Epoche der Menschheitsgeschichte, die eine Höhe intellektueller Entwicklung erklommen hat, wie man sie vor hundert Jahren nicht erträumen konnte, und die einen wissenschaftlichen Fortschritt gebracht hat, der vor fünfzig Jahren für unmöglich gehalten wurde, kann man die Herzen der Welt nicht in enge Schranken bannen. Wenn man versucht, die Menschen in enge Grenzen zu verweisen, erniedrigt man sie zu Tieren und gedankenlosen Massen und tötet ihr sittliches Leben.

Was wir heute brauchen, ist das edelste Herz in Verbindung mit dem höchsten Verstand, die grenzenlose Liebe in Verbindung mit unendlicher Weisheit. Der Vedantist sagt, Gott ist unendliches Sein, unendliches Wissen und unendliche Glück-seligkeit „SAT, CHIT, ANANDA“ und betrachtet diese drei als Eines.Sein ohne Wissen und Liebe gibt es nicht; Wissen ohne Liebe, und Liebe ohne Wissen gibt es nicht. Unser Ziel ist die Harmonie von ewigem Sein, unendlichem Wissen und ewiger Glückseligkeit. Wir wollen Harmonie und nicht einseitige Entwicklung, den Verstand eines Shankara mit dem Herzen eines Buddha. Wollen wir uns alle bestreben, diese begnadete Verbindung zu verwirklichen.

Ende

Buchempfehlungen: Guru Sri Nisargadatta Maharaj ; Ich bin ; ISBN:3933496039
                             Ramesh Balsekar ; Die Eine Wahrheit ; ISBN: 392589859X
                             Ramana Maharshi ; Nan Yar? - Wer bin ich? ; ISBN: 3936718008



 
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